Experteninterview zu den 9 größten Mythen der E-Mobilität

Im heutigen Blogpost haben wir einen echten Experten zum Thema E-Mobilität eingeladen und interviewt. Ziel dieses Beitrags ist es über die verschiedenen Mythen der Elektromobilität aufzuklären und bestehende Unwissenheit zu beseitigen. Wenn du Tesvolution Kunde bist, hast du dich wahrscheinlich schon für ein Elektroauto entschieden und kennst dich schon gut aus. Mit diesem Blogbeitrag bist du nun auch für die nächste Stammtischrunde gut gerüstet!

Unser Gast Christian Thelen ist DEKRA zertifizierter Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe. Herr Thelen ist ehemaliger Trainingsmanager bei BMW und VW. Aktuell ist Herr Thelen selbstständig Dekra zertifizierter E-Mobilitätsberater seiner Firma Electric Car Consulting - Thelen GmbH und hat mit seinem Team eine eigene App „Full Juice“ entwickelt. Die App bündelt und vereint das notwendige Wissen sowie die kompetente Beratung zum Thema Elektromobilität. Weitere Infos über Herrn Thelen und seine App findet Ihr auf der Seite (https://electriccarconsulting.de/).

Viel Spaß mit dem Interview!


"Car Guy mit Benzin und Strom im Blut, über dreißig Jahre in der Fahrzeugbranche, DEKRA-zertifizierter Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe – über die von mir entwickelte App oder im persönlichen Austausch möchte ich meine Leidenschaft und Erfahrung mit Ihnen teilen."
Christian Thelen


Herr Thelen, vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben. Gefühlt hat die E-Mobilität seit Anfang 2022 nochmal einen starken Schub erlebt, daher meine erste Frage: Denken Sie, dass sich die Geschwindigkeit des Wandels noch weiter beschleunigen wird?

Bis 2025 wird die CO2-Besteuerung fossiler Treibstoffe um 10 - 12 % verteuert werden. Die Stickoxid-Vorgaben (NOx) für Diesel sind nur noch schwer einzuhalten. Sollten die Emissionswerte in den Innenstädten vorerst so bleiben, ist mit einer Zunahme an Diesel-Fahrverboten zu rechnen. Ebenfalls ist ab 2025 eine deutliche Verschärfung durch die Euro-7-Norm zu erwarten. Bis dahin wird sich zeigen ob Fahrzeuge mit fossilen Brennstoffen diese noch erreichen bzw. unterschreiten können. All diese Faktoren werden in den nächsten Jahren die E-Mobilität, zusammen mit gestiegenen Kraftstoffpreisen, weiter vorantreiben.

Daraus resultiert der aktuelle Fokus der Hersteller auf die Entwicklung rein batterieelektrischer Fahrzeuge. Der internationale Druck ist jedoch der stärkste E-Mobilitätstreiber. Eine ganze Reihe ausländischer Regierungen, wie zum Beispiel das Vereinigte Königreich haben bereits entschieden, den Verkauf von Neufahrzeugen mit Verbrennungsmotoren ab 2030 zu verbieten.

In der EU sollen ab 2035 nur noch solche Neuwagen mit Verbrennungsmotor zugelassen werden, die beim Fahren CO2-emissionsfrei sind. Somit ist das CO2-Flottenziel von 59 g/km bis 2030 nur mit einer flächendeckenden Einführung ressourcenschonender, emissionsarmer Antriebe möglich.

Das EU Verbot der Verbrenner beinhaltet eine Hintertür für synthetische Kraftstoffe. Denken Sie, dass diese nach 2035 eine relevante Rolle spielen werden?

Laut meiner Prognose liegt die Zukunft in der reinen Elektromobilität im PKW-Bereich.
In Deutschland gibt es mittlerweile über 58 Tausend Ladepunkte und es werden täglich mehr. Das liegt auch daran, dass heute alle Automobilhersteller wesentlich auf die Produktion von Elektroautos setzen. Die Hersteller bieten jetzt und demnächst in allen Segmenten und für jeden Geldbeutel praxistaugliche und auch bezahlbare Elektroautos an.

Wie bereits angekündigt, haben wir in den letzten Wochen viel in Foren gelesen und auch in unserem geschäftlichen Umfeld haben wir verschiedene Perspektiven zum Thema Elektromobilität gesammelt. Wir haben nun die 9 größten Mythen zusammengefasst. Lassen Sie uns nun loslegen:

    #1: Die Stromkapazität wird nicht ausreichen und aufgrund der aktuellen Rohstoff-und Energiekrise haben wir nicht flächendeckend genügend Strom für alle E-Autos:

      Aktuell reicht der produzierte Strom für ca. 10 Millionen Elektroautos, davon sind ca. 1 Mio. auf der Straße zugelassen. Wenn hypothetisch fast alle 48,5 Millionen PKWs elektrisch fahren würden, müssten die Stromproduzenten etwa 20% mehr Strom als heute produzieren. Außerdem wird jedes Jahr Strom in der Größenordnung von Netto 7% der gesamt produzierten Strommenge exportiert. Ich gehe davon aus, dass die Fehlende Strommenge von ca. 100Twh bis 2030 durch zusätzliche Erzeuger ins Netz eingespeist werden kann.

      Natürlich müssen Kapazitäten auch in den Verteilnetzen ausgebaut werden. Dies wird nicht bestritten. Das sind aber Entwicklungen, die die Energieversorger berücksichtigen und abhängig nach Hochlauf, auch umsetzen. Es fehlt auch noch an großangelegten Speichermöglichkeiten, um den Strom dann abzurufen, wenn er wirklich gebraucht wird.

      Das Bedeutet, dass es im Moment in der Tat nicht genug Strom gibt, um alle zugelassenen Autos elektrisch zu betreiben, es WIRD aber immer ausreichend Strom geben bei zukünftigen Zulassungen von Elektroautos.

        #2: Die Herstellung und Produktion von Akkus ist umweltschädlich und sozial unverträglich:

          Jede Rohstoffgewinnung ist ein Eingriff in die Natur. Im Elektrofahrzeug gibt es Materialien, die in der westlichen Wertevorstellung unter kritikwürdigen Bedingungen abgebaut werden. Dazu gehört zum Beispiel Kobalt. Kobalt ist auch in allen Laptops und Mobilfunkgeräten enthalten, sodass hier schon seit Jahrzenten das gleiche Problem besteht. Daher versuchen alle Hersteller diesen Anteil immer weiter zu senken und die Lieferwege neu zu definieren. Bei Tesla z.B. liegt der aktuelle Kobaltanteil des Akkus bei 2%. Es sind aber auch vermehrt kobaltfreie Akkus im Einsatz, wie z.B. der LiFePo4 (Lithium Eisen Phosphat) Akku.

          Weiterhin soll das beschlossene Lieferkettengesetz, vom 25. Juni 2021 auch den Nachhaltigkeitsgedanken weiter bestärken. Das oberste Ziel des Gesetzes, ist der Schutz und das Einhalten von grundlegenden Menschenrechtsstandards. Dabei darf während und innerhalb der gesamten Lieferkette gegen keine Menschenrechte verstoßen werden. Durch diese Gesetzeseinführung wird sichergestellt, dass alle Materialien, für die in Deutschland verkauften E-Autos, den entsprechenden Anforderungen an Umweltstandards und Abbaubedingungen genügen.

          Die Herstellung der Lithium-Ionen-Batterie eines Elektroautos verursacht über 40 Prozent der gesamten CO2-Emissionen bei der Fahrzeugproduktion. Dies liegt vor allem an der aufwändigen und energieintensiven Produktion der Zellen für die Antriebsbatterie. Solange hierfür auch Strom aus fossilen Energieträgern wie Stein-, Braunkohle und Erdgas verwendet wird, entsteht bei der Herstellung eines E-Autos daher mehr CO2 als bei Fahrzeugen mit herkömmlichen Antrieben.

          Der höhere Energiebedarf bei der Produktion von Elektroautos ist dann der sogenannte „CO2-Rucksack“ in der Klimabilanz der Fahrzeuge. Dementsprechend können E-Autos ihre Klimavorteile gegenüber den herkömmlichen Antrieben oft erst nach hohen Fahrleistungen ausspielen.

          Je höher der Anteil an Windenergie, Photovoltaik, Biomasse und Wasserkraft bei dem für die Herstellung eines E-Autos benötigten Stroms ist, desto kleiner ist der CO2-Rucksack.

          Zum Thema Recycling noch zwei Hinweise: Die Fahrzeughersteller nehmen defekte Akkus ausnahmslos zurück. In der Regel werden sie nach dem Einsatz im Fahrzeug aufgearbeitet und noch viele Jahre in Speicheranwendungen im sogenannten Second Life weiterverwendet.

          Weiterhin werden die in der Batterie verwendeten Rohstoffe während der Lebenszeit nur gebraucht, statt verbraucht. Da eine Batterie ein geschlossenes System ist, sind am Ende der Lebenszeit die gleichen Rohstoffe, wie zu Beginn vorhanden. Diese Inhaltsstoffe lassen sich heute schon technisch zu 90-96% recyceln, realistisches Ziel sind 100% innerhalb dieses geschlossenen Kreislaufs.

            #3: Die Akkus haben einen großen Verschleiß und einen geringen Lebenszyklus:

              Dieses Problem trat bei den ersten Elektro-Fahrzeugen häufiger auf. Mittlerweile ist die Technologie bereits so ausgereift, dass eine Ladefestigkeit von etwa 2500 bis 3000 Ladezyklen erreicht ist. Das bedeutet, je nach Größe des Akkus eine Fahrleistung von etwa 200.000 bis 300.000 km, bevor der Akku eine Restkapazität von mindestens 70-80% erreicht hat. Im Durchschnitt liegt die Restkapazität von Li-Ionen-Batterien (Tesla) nach 240.000 km bei ca. 92 Prozent. Das bedeutet: Man kann das Auto bedenkenlos weiterfahren, muss aber mit einer leicht reduzierten Reichweite leben. Aktuell liegen die Garantien der Hersteller noch hinter dem technischen Standard zurück.

              Tesla gibt zum Beispiel aktuell für das Model 3 (LR + Performance) und Model Y, eine Garantie von acht Jahren oder 192.000km (je nach dem, was zuerst eintritt) sowie eine Aufrechterhaltung von mindestens 70% der Batteriekapazität, während der Garantiezeit.

              So langsam erhöht sich auch der Druck auf dem Markt, da Toyota beispielsweise, in Kürze schon eine Million km garantiert! Somit leben E-Auto-Batterien länger als erwartet.

                #4: Das Laden eines E-Autos ist sehr zeitintensiv im Vergleich zum Verbrenner:

                  Das Laden dauert länger als das Betanken mit Treibstoff, korrekt. Aber: Ist das so wichtig?

                  Bei einem E-Auto muss man nicht danebenstehen, wenn es lädt. Das kann man sehr gut zuhause über Nacht machen, beim Arbeitgeber, Einkaufen, Stadtbummel oder während des Kino- oder Theaterbesuches. Damit fallen im Alltag auch notwendige Umwege zur Tankstelle weg. Somit gilt der Slogan des bekannten E-Mobilisten Ove Kröger bis heute: "Wenn er steht, dann lädt er!"

                  Bei längeren Strecken (in der Regel über 200-350 km) muss man noch einen oder mehrere Ladestopps einplanen. Ladestopps sind aber auch Pausen, die man nutzen kann, z.B. auf die Toilette gehen, eine Kleinigkeit essen und trinken, E-Mails oder Nachrichten abrufen, telefonieren, etc. Wenn Kinder und Hunde mitfahren, sollte man sowieso Pausen machen. Die Synchronisation von notwendigen Pausen für die Kids und den Ladestopps bleibt für alle Eltern allerdings eine Herausforderung.

                  Fast alle deutschen Autobahnraststätten und Autohöfe sind heute mit Schnellladesäulen ausgestattet, in denen man ein geeignetes E-Auto innerhalb von 20-45 Minuten auf mindestens 85-90% Kapazität laden kann.

                    #5: Der langsame Ausbau der Ladeinfrastruktur in Deutschland ist ein großer Nachteil:

                      Es gibt Regionen in denen Ladesäulen nach wie vor Mangelware sind. Doch mit dem Ausbau der E-Mobilität werden diese „weißen Flecken“ nach und nach verschwinden. Die öffentlichen Säulen nutzt man in der Regel nur dann, wenn man keine andere Möglichkeit hat oder dies als Gelegenheit sieht. Viele Ladevorgänge werden an der Wohnung über Nacht stattfinden. Dort reichen geringe Ladeleistungen aus, um das Auto schonend wieder nachladen zu können.

                      Bei Einfamilienhäusern kann der Eigentümer i.d.R. ohne Genehmigung eine Ladestation installieren lassen. Bei Mehrfamilienhäusern mit verschiedenen Eigentümern wurde durch eine Gesetzesänderung die Genehmigung vereinfacht, jedoch benötigt man die Zustimmung der Eigentümerversammlung.
                      Bald schon müssen auch Parkplätze von Gewerbe- und Handelsbetrieben sowie Parkplätze von Wohnhäusern anteilig mit Ladesäulen ausgestattet werden. Die aktuellen Förderprogramme unterstützen dabei.

                        #6: Die Brandgefahr von E-Autos ist höher als beim Verbrenner:

                          Auch hier zeigt die Erfahrung: Nein! E-Autos brennen aber anders. Statistisch gesehen brennen je gefahrene Milliarde Kilometer etwa 90 Verbrenner, aber nur zwischen zwei und drei Elektroautos. Auch in der Versicherungswirtschaft sind keine erhöhten Risiken bekannt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein E-Auto brennt, ist also viel kleiner. Die Behandlung von E-Autobränden stellt jedoch andere zum Teil neue Anforderungen an die Feuerwehr. Dazu werden die Einsatzkräfte geschult, geeignete Löschmittel beschafft und stationiert.

                            #7: E-Autos sind zu teuer:

                              Das stimmt nur bedingt. Dies betrifft hauptsächlich den Anschaffungspreis. Schon heute sind aber aufgrund der Förderung in Deutschland viele E-Autos zu einem identisch ausgestatteten Benziner oder Diesel preisgleich. Sie werden zunehmend noch preiswerter, weil die Akkus immer günstiger werden. Wenn man zudem noch die Unterhaltskosten berücksichtigt, so stellt man fest, dass das E-Auto im Betrieb sehr viel günstiger ist: Etwa 60% weniger Wartung, Steuerbefreiung, günstigere Versicherung etc.

                              Es gelten für Elektroautos in vielen Städten und Gemeinden Sonderregelungen. Zum Beispiel darf in der Stadt München 2 Stunden kostenlos öffentlich geparkt werden. In Dortmund darf die Busspur genutzt werden etc. (Stand Juli 2022).

                                #8: Der Betrieb der Klimaanlage führt zu einer geringeren Reichweite:

                                  Moderne E-Autos haben eine effiziente Wärmepumpe an Bord. Nur in der Aufheiz- oder Abkühlphase braucht das Klimasystem relativ viel Strom. Danach kommt man mit etwa 0,75kW bis 1kW pro Stunde aus. Das bedeutet, dass mit einer Stunde laufenden Klimaanlage, ca. 5-7 Kilometer Reichweite verloren gehen. Beim Verbrenner erzeugt der Klimakompressor ebenfalls eine zusätzliche Last, die sich in einem höheren Verbrauch niederschlägt.

                                    #9: E Autos sind nicht automatisch effizienter als Verbrenner:

                                      Der Brennwert eines Liters Dieselkraftstoff liegt bei ca. 9,6 kWh. Genutzt werden hiervon jedoch nur 2,5 kWh für den Vortrieb, der Rest ist Abwärme. Dies bedeutet, dass der Wirkungsgrad des Verbrenners bei knapp unter 25% liegt. Das ist das Ergebnis einer hundertjährigen Forschung und Entwicklung. Aufgrund der physikalischen Beschaffenheit ist bei Verbrennern kein wesentlich höherer Wirkungsgrad möglich. Im Vergleich erzielen E-Motoren einen Wirkungsgrad in Höhe von ca. 90%, d.h. dass 90% der reingesteckten Energie direkt in Bewegung umgewandelt wird, der verbleibende Rest löst sich in Reibung und Hitze auf. Damit haben elektrische Autos einen dreieinhalbfach höheren Wirkungsgrad und sind damit effizienter und grüner als herkömmliche Verbrenner..

                                      Vielen Dank Herr Thelen für Ihre Zeit und das angenehme Interview. Wir hoffen, dass Ihr auch vom Fachwissen profitieren und einiges lernen konntet. Für weiteres und vertiefendes Wissen, empfehlen wir Euch die App „Full Juice“ von Herrn Thelen.

                                      Empfehlung zu Informationsquellen

                                      Da das Thema Emobilität in den Medien häufig einseitig oder emotional geführt wird, ist es nicht einfach relativ verlässliche Informationsquellen zu finden. Leider wird viel Meinung, aber wenig qualitativ und faktenbasiertes Wissen angewandt.

                                      Um jeden Interessenten und Einsteiger über die ersten Hürden zu helfen, können wir die App vom Herrn Thelen empfehlen, die alle Informationen an einen Ort bringt.
                                      Sie heißt FULL JUICE und ist in allen Stores erhältlich:

                                      IOS: Full Juice - im App Store

                                      Android: Full Juice – im Google Play Store

                                      Um die Kosten für die Entwicklung der App zu erwirtschaften, kostet sie 7.99 EUR. Sie verfügt über eine Datenbank mit allen aktuellen Elektroautos. Durch einen intelligenten Filter könnt ihr auch schauen, welche Fahrzeuge zu euren Anforderungen passen.

                                       

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